marktreise
Zwischen Gewürz und Gewicht
Marokkos Märkte und das Wissen der Hände
Am Rand der Medina von Fès sitzt ein Mann hinter einer flachen Waage. Die Gewichte sind aus Metall, abgegriffen, ihre Zahlen kaum noch zu lesen. Er legt erst die Gewichte auf die eine Seite, dann schiebt er mit zwei Fingern ein kleines Häufchen Safranfäden auf die andere. Es ist keine schnelle Bewegung. Eher ein Abtasten, ein wiederholtes Justieren. Die Waage zittert, kommt zur Ruhe, kippt leicht, wird erneut ausgeglichen.
Neben ihm stehen Säcke mit Koriander, Kreuzkümmel, getrockneter Minze. Nichts daran wirkt dekorativ, alles ist in Gebrauch. Seine Aufmerksamkeit gilt allein dem Gleichgewicht. Die Waage zwingt ihn zu einer Form von Genauigkeit, die nicht abstrakt ist, sondern körperlich: das Gewicht wird nicht nur gemessen, es wird gespürt. In der Hand, im Blick, im kurzen Innehalten, bevor die Schale sich entscheidet.
Wenige Gassen entfernt, hinter einer Mauer, die den Geruch nicht hält, liegen die Gerberbecken von Chouara. Sie stehen offen wie Waben, gefüllt mit Kalk, Taubenkot, Wasser in Farben, die kein Gewürzstand kennt: Safrangelb, Indigo, das stumpfe Weiß der Lauge. Männer stehen bis zu den Knien in den Becken, barfuß, die Arme nackt, und kneten Häute, die tagelang in der Beize gelegen haben. Die Hände greifen ins Nasse, ziehen, wenden, drücken. Kein Handschuh, keine Zange, kein Abstand zwischen Körper und Material. Am Rand reichen Händler den Besuchern Minzezweige, die man sich vor die Nase hält. Es hilft kaum. Der Geruch setzt sich fest, in der Kleidung, in den Haaren. Abends im Riad riecht man ihn noch an den Händen.
Der Djemaa el‑Fna in Marrakesch ist kein Markt. Er ist eine Arena. Rauch von Holzkohlegrills zieht quer über die Fläche. Dampf steigt aus Garständen auf, an denen Schnecken in gewürzter Brühe kochen. Zwischen den Ständen laufen Katzen, mager und schnell, die unter den Plastikstühlen auf Knochen warten. Die Luft riecht nach verbranntem Fett, nach Minze, nach dem trockenen Staub, der abends über die Stadt kommt.
An einem der Garstände steht ein Mann, der seit dem Nachmittag Lammköpfe räuchert. Die Köpfe liegen aufgereiht auf einem Rost, die Augen geschlossen, die Haut glasig vom Fett. Er dreht sie mit bloßen Händen, ohne Handschuhe, ohne Zange. Er greift, dreht, legt zurück. Die Hitze scheint ihn nicht zu berühren, oder sie berührt ihn so lange schon, dass sie aufgehört hat, etwas zu bedeuten.
Drei Stände weiter gießt eine Frau Harira in kleine Tonschälchen, die sie auf einem Tablett balanciert, das kein Rand hält. Die Suppe dampft. Die Schälchen stehen so eng, dass zwischen ihnen kaum Platz für den Daumen bleibt, mit dem sie das Tablett stabilisiert. Sie bewegt sich durch die sitzende Menge, ohne anzustoßen, ohne zu zögern, ohne hinzusehen. Ein Junge, vielleicht zwölf, sammelt die leeren Schälchen ein, stapelt sie auf dem Unterarm, sechs, sieben, acht, und trägt sie zurück, ohne eines zu verlieren.
In den Souks hinter dem Platz wird Kreuzkümmel verkauft, ganz und gemahlen, in Säcken, die offen stehen. Ein Händler schiebt einem Kunden eine Handvoll hin. Der Kunde riecht, reibt die Körner zwischen Daumen und Zeigefinger, schüttelt den Kopf. Zu alt. Der Händler greift hinter sich, holt einen anderen Sack hervor, lässt erneut riechen. Ein Nicken. Dann beginnt das Gespräch über den Preis.
Drei Gassen weiter steht ein Laden mit Glasfront. Die Gewürze liegen in beschrifteten Gläsern, die Preise auf kleinen Schildern. Ein Tourist greift sich ein Glas Ras el‑Hanout, legt es auf den Tresen, zahlt, geht. Kein Wort. Kein Riechen. Kein Zögern.
Die Gewürze sind dort ebenso fein gemahlen, vielleicht sogar sauberer verpackt. Aber der Moment davor fehlt: das Prüfen, das Abwägen, der Augenblick, in dem der Käufer selbst entscheidet, ob die Ware seinen Preis verdient. Der Laden hat den Austausch ersetzt durch Transaktion.
Abends, wenn der Djemaa el‑Fna sich lichtet und die Garstände abgebaut werden, klappt der Safranhändler in Fès seine Waage zusammen. Er legt die Metallgewichte einzeln in ein Ledertäschchen, das an den Nähten dünn geworden ist. Dann wischt er die Schale mit dem Ärmel ab. Morgen früh wird er sie wieder aufstellen, am selben Platz, vor denselben Säcken.
Irgendwann wird er das nicht mehr tun.